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Freiwillige Feuerwehr Hermsdorf
aus der Geschichte


 

 

 

Seit 170 Jahren übernehmen ausgebildete, trainierte Feuerwehrleute den Kampf gegen die Flammen – die große Mehrheit nebenberuflich und freiwillig. Ohne sie wäre Deutschland unterversorgt.

 

Karlsruhe, ein Sonntag im Februar 1847. Es ist kurz vor 18 Uhr, als rund 2000 Besucher im Großherzoglichen Hoftheater auf die Aufführung eines Bühnenstücks warten. Wohl niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass einem Hofdiener gleich ein folgenschweres Missgeschick mit einer Glaslampe passieren wird. Dass das Theater bald lichterloh in Flammen steht. Und niemand ahnt, dass das bevorstehende Unglück, bei dem rund 200 Menschen verletzt werden und mehr als 60 sterben, in die deutsche Geschichte eingehen wird als Meilenstein für die Entstehung des modernen Feuerwehrwesens.

Die Löschtruppe aus Durlach – heute ein Stadtteil von Karlsruhe – wird an diesem Abend Schlagzeilen machen. Weil sie eine bisher nicht gekannte Effizienz und Schlagkraft im Kampf gegen das Feuer demonstriert. Das Pompier-Corps – den Begriff „Feuerwehr“ gab es damals noch nicht, weshalb man das französische Wort übernahm – eilt den Karlsruher Löschkräften zu Hilfe. Bis zu ihrem Eintreffen haben sich die Flammen fast ungehindert im Theater ausbreiten können und drohen, auf das Schloss überzugreifen. Trotz der Gegenmaßnahmen der Karlsruher Spritzenmannschaften.

 

Deutschland hinkt 1847 im Brandschutz hinterher

 

Hier zeigt sich, was auch schon fünf Jahre zuvor beim Großen Brand von Hamburg deutlich wurde: Beim Brandschutz hinkt Deutschland anderen europäischen Ländern hinterher. Die meist genossenschaftlich organisierten Löschkräfte sind nicht in der Lage, Feuer schon im Entstehen anzugreifen und einzudämmen. Obwohl große Städte durchaus in Brandschutztechnik investiert haben. Hamburg verfügt zum Beispiel über 50 Spritzen, darunter auch Schiffsspritzen, und über sehr viele Spritzenmannschaften, als im Mai 1842 in der Altstadt ein Feuer ausbricht, das vier Tage lang wütet und dabei ein Drittel der Stadt vernichtet.

Das Hauptproblem: Dem Löschwesen in Deutschland fehlt das Verständnis dafür, dass der Umgang mit Feuerspritzen geübt werden muss. Die Männer, die mit dem Bedienen der Löschtechnik beauftragt sind, kennen so etwas wie eine klare Kommandostruktur kaum. Auch keine Übungseinsätze.

Das ändert sich, als die Presse 1847 die Nachricht von einer 50 Mann starken Truppe aus Durlach verbreitet, die beim Karlsruher Theaterbrand durch ruhiges, zielgerichtetes und energisches Auftreten aufgefallen ist. Einer Truppe, der es unter der fachkundigen Führung des Durlacher Stadtbaumeisters und Pompier-Corps-Gründers Christian Hengst gelingt, das Feuer vor dem herzoglichen Schloss abzuriegeln und zu löschen. Das Theater brennt nieder. Doch die Orangerie und andere Liegenschaften können gerettet werden.

 

Militärische Methoden halten Einzug: Die Geschichte der Feuerwehr beginnt

 

Stadtbaumeister Hengst hatte beim Aufbau des Pompier-Corps militärische Methoden angewendet. Damit war er dem Beispiel Frankreichs gefolgt, das im Brandschutz deutlich erfolgreicher war als die Deutschen. Bereits 1811 wurden auf Befehl Napoleons militärische Strukturen bei der Brandbekämpfung geschaffen. Dazu gehörten neben einer klaren Befehlskette und taktischem Denken auch eine ordentliche Ausbildung und militärischer Drill im Umgang mit den Feuerspritzen.

Weil Hengst das übernahm, wurden ihm anfangs noch „Soldatenspielereien“ vorgeworfen – vor dem Einsatz in Karlsruhe. Hengst hatte jedem Pompier eine einzige, feste Aufgabe zugeteilt: Rohrführer greifen das Feuer an. „Nach-Pompiers“ stellen die Schlauchversorgung sicher. Die Männer am Druckwerk wechseln sich beim Pumpen ab. Neu ist der Einsatz von Steigern. Sie sichern den Zugang zur Brandstelle und klettern mit Hakenleitern auf umliegende Dächer, um das Feuer von oben abzuriegeln und anzugreifen. Mit Hengsts Pompier-Corps beginnt in Deutschland die Geschichte der Feuerwehr – verstanden als eine besondere Form der Brandbekämpfung, die auf Ausbildung, Hierarchie und fachkundige Führung setzt.

 

Brandschutz als Bürgerpflicht: So funktionierte der Brandschutz vor den freiwilligen Feuerwehren

 

Dass in Deutschland bis heute vor allem Freiwillige die Brandbekämpfung übernehmen und sich nicht, wie etwa in der Schweiz, ein System der Feuerwehrpflicht etabliert hat, hat wohl mit der Bürgerlichen Revolution zu tun. Und mit der Turnerbewegung.

Jahrhundertelang war Brandschutz Bürgerpflicht. Bürger mussten etwa Feuerhaken, Ledereimer oder Wasserfässer zu Hause vorhalten. So schreiben es die Feuerlöschordnungen vor, die es seit dem Mittelalter  in deutschen Städten und Gemeinden gab. Brannte es, mussten alle Männer – alarmiert von Nachtwächtern, Kirchenglocken, Feuerläufern – mit ihren Eimern zum Brand eilen und mithelfen. Mancherorts mussten an den Fenstern Kerzen aufgestellt werden, sodass die Straßen beleuchtet waren.

Zwischen Wasserquelle und Feuer wurden zwei Menschenketten gebildet: Eine reichte die vollen Eimer Richtung Brandstelle, die andere die leeren Eimer zur Wasserquelle zurück. Wurde das Wasser anfangs noch ins Feuer geschüttet, befüllte man später – sofern vorhanden – die Wasserkessel der Spritzenwagen.

Mit dem Fortschritt in der Feuerlöschtechnik vor allem ab 1700 wurden zunehmend einzelne Aufgaben an bestimmte Personen übertragen. Zum Beispiel das Bedienen von Leitern und Haken, das Ziehen oder Fahren der Spritzenwagen. Sogar Hilfspolizisten bestimmte man mancherorts, um Chaos und Diebstähle zu vermeiden. Aber trotzdem blieb das Löschen für alle Bürger Pflicht.

 

Die Turnvereine: Ursprung der Freiwilligen Feuerwehren in Deutschland

 

In Deutschland bestimmte die Obrigkeit meist noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Personen, die besondere Aufgaben im Umgang mit der Löschtechnik zu übernehmen hatten. Diese obrigkeitliche Gängelung und Organisation des Löschwesens passte in der Zeit der Deutschen Revolution nicht mehr zu den Vorstellungen eines selbstbewusst gewordenen Bürgertums. Die Menschen wollten mitbestimmen, die Lösung gesellschaftlicher Probleme mitgestalten. Das taten sie oft, indem sie Vereine gründeten.

Die Turnvereine - aus der von Friedrich Ludwig Jahn begründeten, politisch ausgerichteten Turnerbewegung entstanden - verhalfen dem Prinzip der Freiwilligkeit beim Brandschutz zum Durchbruch.

 

Turner erklimmen die brennenden Dächer

 

Als Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Feuerwehren nach Durlacher Vorbild gegründet wurden, erklärten sich meist die Turner bereit, als Steiger mit Hakenleitern die Dächer zu erklimmen. Wie auch in Karlsruhe, wo sich drei Tage nach dem Brand mehr als 100 Bürger freiwillig für ein neues Pompier-Corps nach Durlacher Modell gemeldet hatten – wohl das erste „freiwillige Feuerwehr-Corps“, wie die Karlsruher Truppe schon bald genannt werden sollte. Die Turner waren der Ansicht, dass körperliche Ertüchtigung dem Gemeinwohl dienen soll. So wurde in den Turnvereinen der Umgang mit Hakenleitern und Feuerspritzen geübt.

Wenn es im Ort noch keine Feuerwehr gab, übernahm manchmal der Turnverein diese Aufgabe, als Turnerfeuerwehr. Fast alle Freiwilligen Feuerwehren, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, entwickelten sich aus Turnvereinen heraus.

 

Gegenwart: Ohne die Freiwilligen wäre Deutschland unterversorgt

 

Bis heute sind die Freiwilligen Feuerwehren in Deutschland eine der wichtigsten Institutionen in Sachen Brandschutz und Gefahrenabwehr. Nur in 107 Großstädten gibt es Berufsfeuerwehren, 735 Firmen beschäftigen eigene Werksfeuerwehren. Ihnen stehen rund 22.690 Freiwillige Feuerwehren mit knapp einer Million Mitgliedern gegenüber – die rund 250.000 Mitglieder der Jugendfeuerwehren nicht eingerechnet. (Zahlen: Stand 2017)

Ohne die Freiwilligen wäre Deutschland katastrophal unterversorgt, gerade auf dem Land. Aber auch in Großstädten mit Berufsfeuerwehren gibt es Freiwillige, die die Kollegen unterstützen. 2015 – aus diesem Jahr stammt die aktuellste Statistik – haben die Freiwilligen Feuerwehren die Hälfte aller Einsätze übernommen. Rettungsdienst und Krankenfahrten nicht mitgerechnet, die in einigen Bundesländern von der Feuerwehr übernommen werden. Bei Bränden und Explosionen waren es sogar 64 Prozent aller Einsätze.

 

 

 

 

Quelle : Zeitung „ DIE RHEINPFALZ “ vom 25.12.2019

 

Bild:( Imago) vermutlich von 1850 eine Gravur aus Frankreich, Pompiers und Bürger kämpfen gemeinsam gegen die Flammen

 


Erstellt am   02. Jan. 2020
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